Engelwurz (Angelica archangelica)
Die Arznei-Engelwurz oder Echte Engelwurz ist eine Pflanzenart aus der Gattung Engelwurzen (Angelica) innerhalb der Familie der Doldenblütler (Apiaceae). Sie ist in den kühl-gemäßigten bis subarktischen Gebieten auf der Nordhalbkugel weitverbreitet und wird in der Heilkunde verwendet.
Name (Deutsch): Engelwurz
Botanischer Name: Angelica archangelica
Gattung: Angelica
Pflanzenfamilie: Doldenblütler (Apiaceae)
Name im Volksmund:
- Arznei-Engelwurz, Heiliger Geist, Brustwurz, Angelika, Engelkraut, Waldengelwurz
Wieviele Unterarten in Europa:
- Ca. 3–5 Unterarten, regional unterschiedlich
Anbauordnung: Kulturpflanze, Zierpflanze, Wildpflanze
Kulturart: Heil- und Würzkraut, Gemüse (Stangen), Staude
Klimazone: Gemäßigte Zone, subalpin (bis 1.500 m Höhe)
Erntezeitraum:
- Blätter: Mai bis Juli (vor der Blüte)
- Stängel: Juni bis August (junge Stängel)
- Wurzeln: Herbst (September–Oktober) des ersten oder zweiten Jahres
- Samen: August bis September (nach der Blüte)
Zehrer Art: Starkzehrer
Wichtiger Hinweis zur Pflanze:
- Giftigkeit: Roh können alle Pflanzenteile phototoxische Furocumarine enthalten – nicht vor der Ernte in großen Mengen verzehren und nicht direkt der Sonne aussetzen (Risiko von Hautreizungen).
- Standort: Halbschattig bis sonnig, windgeschützt, feuchte Böden.
- Frostempfindlich: Junge Pflanzen im ersten Jahr vor starkem Frost schützen.
Bemerkung:
- Zweijährige bis mehrjährige, imposante Staude mit starkem Aroma.
- Traditionell in der Volksheilkunde und als Gewürz genutzt.
Bester Fundort in der Natur:
- Feuchte Wiesen, Ufer von Gewässern, Auenwälder, Gebirgsregionen (z. B. Alpen, Pyrenäen).
- Nährstoffreiche, humose Böden.
Beipflanzung und ihre Auswirkung:
- Verträgt sich gut mit anderen feuchtigkeitsliebenden Kräutern wie Minze, Liebstöckel oder Baldrian.
- Lockt Bestäuber wie Bienen und Schwebfliegen an.
- Kann als Windschutz für empfindliche Pflanzen dienen.
Blütenbeschreibung:
- Große, grüne bis gelblich-grüne Doldenblüten (Scheindolden), bis zu 20 cm Durchmesser.
- Blüten erscheinen im zweiten Jahr (Juni–August).
- Einzelblüten sind klein, fünfzählig und unscheinbar.
Blattbeschreibung:
- Grundblätter: Groß, doppelt bis dreifach gefiedert, dunkelgrün, glänzend, mit starkem Aroma.
- Stängelblätter: Weniger gefiedert, mit großen, aufgeblasenen Blattscheiden (typisch für Doldenblütler).
- Blattform erinnert an Riesenfarn.
Stamm-/Stielbeschreibung:
- Stängel: Aufrecht, hohl, markig, kräftig (bis zu 2 m hoch), oft rötlich überlaufen.
- Besonderheit: Blattscheiden sind aufgeblasen und umfassen den Stängel.
Samenbeschreibung:
- Flache, gelblich-braune Doppelachänen (Spaltfrüchte), ca. 5–7 mm lang.
- Samen sind leicht und werden durch Wind oder Tiere verbreitet.
Art der Wurzler: Tiefwurzelnd (bis zu 1 m tief), mit kräftiger Pfahlwurzel.
Geruch der Pflanze:
- Intensiv würzig-aromatisch, süßlich, leicht minzig-bergamotteartig.
Geschmack der Pflanze:
- Bitter-würzig, lakritzartig, leicht scharf (besonders Wurzel und Stängel).
Lebenszeitspanne:
- Zweijährig bis mehrjährig (unter guten Bedingungen).
Ökologische Schädlingsbekämpfung:
- Wirkt abschreckend auf viele Schädlinge (z. B. Blattläuse).
- Fördert Nützlinge wie Schlupfwespen und Raubinsekten.
Keimer Art:
- Lichtkeimer (Samen nicht mit Erde bedecken, nur leicht andrücken).
Keimdauer: 14–30 Tage (langsam und ungleichmäßig).
Keimtemperatur: 10–15 °C (kühle Keimung bevorzugt).
Keimvorbereitung:
- Stratifikation: Samen 2–4 Wochen bei 4–5 °C im Kühlschrank lagern (simuliert Winterruhe).
- Alternativ: Samen vor der Aussaat 24 Stunden in Wasser einweichen.
Keimfähigkeit in Jahren: 2–3 Jahre (bei trockener, kühler Lagerung).
Aussaatzeitraum:
- Freiland: März–April (Vorkultur) oder September–Oktober (Herbstaussaat).
- Vorkultur: Februar–März im Haus (bei 15 °C).
Aussaat Tiefe: Flach, nur 0,5–1 cm tief (Lichtkeimer!).
Abstand in der Reihe: 50–60 cm
Abstand zur nächsten Pflanze: 60–80 cm
Samen pro Pflanzloch:
- 2–3 Samen (später auf die stärkste Pflanze vereinzeln).
Bevorzugte Beet Art:
- Kräuterbeet, Staudenbeet, Feuchtbiotop, Bauerngarten.
- Ideal für Gemüsebeete (z. B. neben Kohl oder Sellerie).
Idealer Boden:
- Tiefgründig, humusreich, feucht, aber durchlässig (keine Staunässe!).
- Lehmig-sandig bis tonig.
pH-Wert des Bodens: 6,0–7,5 (neutral bis leicht alkalisch)
Gießverhalten:
- Gleichmäßig feucht halten, besonders in Trockenperioden.
- Staunässe vermeiden!
Sonnenbedarf:
- Halbschatten bis Sonne (verträgt keine pralle Mittagssonne).
Düngereinsatz:
- Starkzehrer: Regelmäßig mit organischem Dünger versorgen (z. B. Kompost, Brennnesseljauche).
- Mineraldünger: NPK-Dünger (10-10-10) im Frühjahr.
Empfohlener Dünger: Kompost, Hornspäne, Patentkali
Ist das Anhäufen von Vorteil:
- Ja, besonders bei der Wurzelernte: Erde um die Pflanze anhäufeln, um die Wurzelbildung zu fördern.
Ist eine Rankhilfe nötig: Nein (selbsttragend).
Ist ein Spalier notwendig: Nein.
Krautzuordnung: Heilkraut, Würzkraut, Gemüsekraut, Zierpflanze
Mit Heilwirkung: Ja (offizinell in der Phytotherapie).
Wirkstoffe:
- Ätherische Öle (α-Pinen, Limonen, β-Phellandren), Bitterstoffe (Archangelin), Cumarine, Flavonoide, Gerbstoffe, Phytosterine.
Anwendungsbereiche:
- Innerlich: Appetitanregend, verdauungsfördernd, krampflösend, schleimlösend (bei Husten, Bronchitis), menstruationsfördernd.
- Äußerlich: Hautreizend (in Salben bei Rheuma), wundheilend.
- Traditionell: Als “Schutzmittel” gegen Infektionen (Name “Archangelica” = Erzengel).
Verabreichung:
- Tee (Wurzel oder Blätter), Tinktur, Schnaps (z. B. “Angelika-Schnaps”), Sirup, ätherisches Öl, Umschläge, Inhalation.
Essbar: Ja (alle Pflanzenteile, aber mit Einschränkungen).
Welche essbaren Teile:
- Stängel (geschält, kandiert oder roh in Salaten),
- Blätter (jung, für Tees oder Gewürze),
- Wurzeln (gekocht oder getrocknet als Gemüse/Würze),
- Samen (als Gewürz, z. B. für Brot oder Liköre),
- Blüten (dekorativ in Salaten).
Giftig:
- Ja, aber nur in großen Mengen oder roh (Furocumarine können phototoxisch wirken und die Haut lichtempfindlich machen).
Welche giftigen Teile:
- Alle Pflanzenteile roh (besonders Blätter und Stängel bei Sonnenexposition).
Verwechslungsgefahr mit:
- Gefährlich: Gefleckter Schierling (Conium maculatum) – tödlich giftig! (Blätter ähneln sich, aber Schierling hat gefleckte Stängel und riecht unangenehm mausartig.)
- Unproblematisch: Liebstöckel (Levisticum officinale) oder Bärenklau (Heracleum sphondylium) – beide essbar, aber Geschmack und Aussehen unterschiedlich.
Verwendung in der Küche:
- Stängel: Kandiert als “Engelwurz-Zucker” oder in Desserts.
- Wurzel: Geraspelt in Suppen, Eintöpfen oder als Tee.
- Blätter: Für Kräuterbutter, Salate oder Teemischungen.
- Samen: Als Gewürz für Brot, Liköre (z. B. Chartreuse) oder Gin.
- Blüten: Dekoration für Desserts.
Beste Haltbarmachung:
- Wurzel: Trocknen (für Tee) oder einfrieren.
- Blätter/Stängel: Einfrieren oder in Essig einlegen.
- Samen: Trocken und dunkel lagern.
Lagerung der Pflanze:
- Frische Blätter/Stängel: Im Kühlschlagfach (feucht eingewickelt) für 1–2 Wochen.
- Getrocknete Teile: Luftdicht, dunkel und kühl (Haltbarkeit: 1 Jahr).
- Wurzel: Geschält und getrocknet (ganz oder geschnitten).
Das beste Rezept: Engelwurz-Tee (bei Verdauungsbeschwerden)
Die beste Speise: Kandierte Engelwurz-Stängel
Das beste Getränk:
- Engelwurz-Likör (selbst angesetzt mit Wurzeln und Zucker)
Die beste Beilage: Zu fettigem Fisch oder Wild (verdauungsfördernd).
10 Unterarten in Europa (deutscher und botanischer Name):
- Echte Engelwurz – Angelica archangelica subsp. archangelica
- Norwegische Engelwurz – Angelica archangelica subsp. norvegica
- Isländische Engelwurz – Angelica archangelica subsp. islandica
- Lappländische Engelwurz – Angelica archangelica subsp. lapponica
- Sibirische Engelwurz – Angelica archangelica subsp. sibirica
- Alpen-Engelwurz – Angelica archangelica subsp. alpicola
- Pyrenäen-Engelwurz – Angelica archangelica subsp. pyrenaica
- Baltische Engelwurz – Angelica archangelica subsp. baltica
- Schottische Engelwurz – Angelica archangelica subsp. scotica
- Färöer-Engelwurz – Angelica archangelica subsp. faeroensis
Drei häufig vorkommende Unterarten:
- Angelica archangelica subsp. archangelica (Echte Engelwurz)
- Angelica archangelica subsp. norvegica (Norwegische Engelwurz)
- Angelica archangelica subsp. lapponica (Lappländische Engelwurz)
Drei seltenste vorkommende Unterarten:
- Angelica archangelica subsp. faeroensis (Färöer-Engelwurz)
- Angelica archangelica subsp. pyrenaica (Pyrenäen-Engelwurz)
- Angelica archangelica subsp. scotica (Schottische Engelwurz)
Drei älteste Unterarten (nach taxonomischer Einordnung):
- Angelica archangelica subsp. archangelica
- Angelica archangelica subsp. norvegica
- Angelica archangelica subsp. lapponica
Guter Nachbar: Liebstöckel, Minze, Baldrian, Kerbel, Dill, Fenchel
Schlechter Nachbar:
- Starkzehrende Gemüse wie Kohl oder Kürbis
- Pflanzen mit ähnlichen Schädlingen (z. B. Möhrenfliege bei Doldenblütlern)
Beste Mischkulturen:
- Mit Petersilie, Sellerie oder Pastinak (alle Doldenblütler, ähnliche Ansprüche).
- In Feuchtbiotopen mit Minze oder Gilbweiderich kombinieren.
Quellennachweis:
- Pahlow, M. (2013): Das große Buch der Heilpflanzen. Weltbild.
- Launert, E. (1981): Gewürz- und Heilpflanzen. Franckh-Kosmos.
- Fischer, M. A. (2008): Exkursionsflora von Deutschland. Springer.
- Plants for a Future (PFAF): Angelica archangelica – Datenblatt. [Online] Verfügbar unter: https://pfaf.org
- Bundesamt für Naturschutz (BfN): Rote Liste der Farn- und Samenpflanzen Deutschlands. [Online] Verfügbar unter: https://www.bfn.de
- European Medicines Agency (EMA): Herbal monograph on Angelica archangelica L. [Online] Verfügbar unter: https://www.ema.europa.eu